„Die Zusammenarbeit von CBM und Lions ist beispielhaft für WIN-WIN-Situationen“
Dr. Rainer Brockhaus ist seit 1. Oktober 2009 neuer CBM-Direktor
Seit Oktober 2009 gibt es bei der Christoffel-Blindenmission (CBM) einen neuen Kommunikationsdirektor: Der 48-jährige Diplom-Betriebswirt Dr. Rainer Brockhaus ist Nachfolger von Martin Georgi, der als Vorstandsmitglied zu Aktion Mensch wechselte. Brockhaus leitete zuletzt das deutsche Partnergeschäft des EDV-Herstellers EMC, davor war er Manager bei Hewlett-Packard (HP). Wir befragten Dr. Brockhaus zu seiner neuen Aufgabe, insbesondere zur Kooperation zwischen der CBM und den deutschen Lions, die in seinen Arbeitsbereich fällt.
Lion: Von der freien Wirtschaft wechselten Sie zur Entwicklungshilfe – was reizt Sie an der Arbeit bei einer gemeinnützigen Organisation?
Dr. Rainer Brockhaus: Erst einmal möchte ich betonen, dass es mir nicht darum ging, bei irgendeiner Entwicklungshilfeorganisation zu arbeiten: Es ging mir bei dem Wechsel zur Christoffel-Blindenmission sehr konkret um genau diese Organisation. Die Attraktivität der CBM liegt für mich in dem Gleichgewicht von konkreter Unterstützung für Menschen mit Behinderung und politischer Arbeit. Wir wollen gesellschaftliche Strukturen schaffen, in denen Menschen mit Behinderung die gleichen Chancen haben wie Menschen ohne Behinderung. Beide Arbeitsstränge gehören zusammen und machen unsere Stärke aus.
Lion: Hatten Sie bereits Berührungspunkte oder Begegnungen mit behinderten Menschen bzw. gemeinnützigen Organisationen?
Dr. Brockhaus: Da gibt es zwei markante Punkte in meinem Leben: ein freiwilliges soziales Jahr in einer Behinderteneinrichtung bei Düsseldorf und meine achtjährige Mitgliedschaft im Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland. Diese Ereignisse waren sehr prägend für mich und werden sicherlich auch Einfluss auf meine künftige Arbeit haben.
Lion: Was bringen Sie persönlich für die Arbeit bei der CBM mit?
Dr. Brockhaus: Neben den Erfahrungen bei Greenpeace, die viel zu meinem Verständnis der Kommunikation in gemeinnützigen Organisationen beigetragen haben, bringe ich einiges aus dem professionellen Bereich mit. Dazu gehören Erfahrungen im Finanzbereich genauso wie in strategischer Planung, Organisationsentwicklung, Vertrieb und Marketing – in deutschen sowie in internationalen Organisationen.
Lion: In welchen Bereichen wollen Sie die CBM voranbringen? Welche Ziele haben Sie?
Dr. Brockhaus: Als Verantwortlicher bei EMC für das Partnergeschäft habe ich erlebt, wie wichtig gute Kooperationen sind. Alle Beteiligten können davon profitieren. Ich wünsche mir auch für die CBM starke Partner. Hierzu möchte ich die bestehenden Partnerschaften stützen und weiterentwickeln. Um unseren Auftrag zu erfüllen und die Interessen von Menschen mit Behinderung in Entwicklungsländern noch besser vertreten zu können, müssen wir als CBM alle möglichen Synergien nutzen. Je mehr Organisationen gemeinsam für die Rechte von Menschen mit Behinderung eintreten, desto besser. Dafür will ich arbeiten und kämpfen.
Lion: Welche Bedeutung messen Sie der Zusammenarbeit zwischen den Lions und der CBM bei?
Dr. Brockhaus: Die Zusammenarbeit mit den Lions ist für die CBM sehr wichtig und wertvoll. Mittlerweile haben wir zahlreiche kleine und große Gemeinschaftsprojekte erfolgreich umgesetzt, unter anderem die Augenklinik in Kinshasa, in der Demokratischen Republik Kongo. Ich bin immer wieder beeindruckt von dem starken Netzwerk, das die Lions sich aufgebaut haben. Vor allem, weil es nicht nur Selbstzweck ist: Die Lions wollen mit diesem Netz etwas erreichen und mit ihrer Arbeit die Welt ein Stück besser machen – und das gelingt ihnen auch. Die Kooperation zwischen den Lions und der CBM ist beispielhaft für die vielzitierte WIN-WIN-Situation. Seit 1992 wurden über unsere Kooperationsvorhaben rund 2,6 Millionen Menschen mit Behinderung in Entwicklungsländern unterstützt. Das hätte jeder für sich alleine nicht geschafft. Dabei ist unsere Partnerschaft stetig gewachsen. Deshalb sind wir sehr froh, die Lions als Partner zu haben.
Lion: Wie sieht die konkrete Zusammenarbeit zwischen Lions und CBM aus?
Dr. Brockhaus: Wir ergänzen uns auf verschiedenen Ebenen: So treten wir gemeinsam beim Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf. Wir sichern uns für unsere Kooperationsprojekte Bundeszuschüsse nach dem „Aus 1 mach 4“-Prinzip. Ein gemeinsames Engagement in der jährlichen „Woche des Sehens“ sowie im Rahmen von „Vision 2020 Deutschland“ oder gemeinsame Stadtaktionen mit Erlebnisgang und Sehtestmobil sind weitere Beispiele für unsere Zusammenarbeit. Regelmäßig sind Lions zu Besuch bei uns im südhessischen Bensheim. Bereits bei den ersten Treffen habe ich gespürt, wie viel Vertrauen über die Jahre zwischen beiden Organisationen aufgebaut worden ist. Die besondere Stärke in der Zusammenarbeit von CBM und Lions liegt darin, dass wir ein ähnliches Mandat in Entwicklungsländern haben. Dabei kann jede Organisation ihre Stärken einfließen lassen. So stellt die CBM die medizinisch-fachliche Seite und sichert die Nachhaltigkeit der getätigten Investitionen.
Lion: Wo sehen Sie Herausforderungen in der Arbeit für Menschen mit Behinderung?
Dr. Brockhaus: Die größte Herausforderung sehe ich darin, dass Menschen mit Behinderung oft ausgegrenzt werden. Das Verhalten der Gesellschaft ist das Fatale: Die Behinderung selbst ist nicht immer schwerwiegend, aber der Umgang der Gesellschaft mit Behinderung macht das Leben für behinderte Menschen oft zur Qual. Wichtig ist, dass wir nicht beim Mitleid für behinderte Menschen stehen bleiben. Menschen mit Behinderung brauchen und wollen kein Mitleid. Sie sind vollwertige Mitglieder der Gesellschaft.
Lion: Wo sehen Sie in Entwicklungsländern die Ansatzpunkte für die Arbeit?
Dr. Brockhaus: Behinderung hat gerade in Entwicklungsländern wirtschaftliche Auswirkungen, nicht nur für den einzelnen Menschen sondern für ganze Regionen und Bevölkerungsgruppen. Die Flussblindheit hat zum Beispiel zur Entvölkerung mancher fruchtbarer Gebiete geführt. Nur wenn wir die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen über das Einzelschicksal hinaus deutlich machen, werden wir die nötigen grundlegenden Veränderungen erreichen. So zielt das gemeinsam von Lions, CBM und BMZ geförderte größte augenmedizinische Ausbildungskrankenhaus für das französischsprachige Afrika in Kinshasa darauf ab, durch die Ausbildung von Augenärzten und Kataraktchirurgen augenmedizinische Dienste über die Grenzen des Kongo hinaus auszubauen, um die Situation langfristig zu verbessern. Beim neuesten BMZ-geförderten Kooperationsprojekt in Bolivien erhalten Kinder und Jugendliche mit Hörbehinderung Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Es ermöglicht auch, landesweit die Bedingungen für die Prävention von Gehörlosigkeit zu verbessern.
Lion: Was tun Sie in Ihrer Freizeit, wenn Sie nicht arbeiten müssen?
Dr. Brockhaus: Ich verbringe viel Zeit mit der Familie. Ich habe eine tolle Frau und drei wunderbare Kinder. Uns fällt immer etwas Schönes ein.


